Radeberg: Gedenkveranstaltung für Charlotte Freche und Joseph Paulin Michel

Text?

Am 29. April 1945, wurden an dieser Stelle Charlotte Freche und Joseph Paulin Michel von der SS ermordet.
Diese Tat war brutale Konsequenz einer verbrecherischen Weltanschauung.
Die Würde des Menschen ist (un)antastbar.

Dies ist die Inschrift der Gedenktafel die 1998, initiiert von der AG Geschichte des Humboldt Gymnasium Radeberg angebracht wurde.
Organisiert von den Schüler_innen und Lehrer_innen des HGR, gedachten heute, 65 Jahre nach dem Mord an Charlotte Freche und Joseph Paulin Michel ca. 60 Menschen in stiller Atmosphäre. Während der Gedenkveranstaltung, in der auf die Geschichte der beiden Ermordeten sowie aktuelle Neonaziprobleme eingegangen wurde, sprachen Elke Richter (Schulleiterin), OB Gerhard Lemm, Herr Gärtig (Präsident der SBAB) und Anja Schöne (ehem. Schülerin). Begleitet von andächtiger Musik der Schüler_innen nahm mensch die verlesenen Grußworte der Schwester Charlottes noch intensiver wahr. Im Anschluss daran gingen die Teilnehmer gemeinsam zu Gedenktafel auf der Hauptstraße und bekamen die Möglichkeit Blumen niederzulegen.

Text des verteilten Flyers:

Auch in Radeberg wurde gemordet!

Am 29. April 1945 wurden Charlotte Freche und Joseph Paulin Michel in Radeberg erhängt.
Was war geschehen?
Das Radeberger Arbeitslager, in dem Joseph Paulin gearbeitet hatte, wurde aufgelöst. Der junge Belgier wollte am nächsten Morgen die Stadt verlassen und suchte nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Die Straßen waren voller Menschen. Charlotte, die mit einem im Felde stehenden SS-Mann verheiratet war, hatte Joseph Paulin im Sachsenwerk kennengelernt. Sie bat eine Nachbarin, ihn für eine Nacht mit zu sich zu nehmen. Da diese es ablehnte, ließ Charlotte den jungen Belgier in ihrer Wohnung, Winkelwiese 14, übernachten.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, kam der Ehemann zufällig heim, weil die Front immer Näher rückte. Nachdem er beide gesehen hatte, verließ er ohne weitere Erklärungen das Haus. Kurz darauf gingen auch Charlotte und Joseph Paulin. Der junge Mann mischte sich unter die Menschen auf der Straße. Charlotte fuhr mit dem Fahrrad zu ihren Eltern nach Stolpen und gab ihre Papiere der Mutter.
Am Nachmittag erschienen drei SS-Leute, die den Eltern versprachen, dass ihrer Tochternichts passieren würde; es sollte nur zu einer kurzen Aussprache kommen. In Begleitung einer ihrer Schwestern wurde Charlotte mit nach Radeberg genommen.

Auch Joseph Paulin wurde gefangen. Er war von er SS mit Hunden in der Heide aufgespürt worden. Offensichtlich hatte man ihn geschlagen, denn von seinen Händen lief Blut.

Auf der Winkelwiese rief Jemand: „Wann und wo ist mir egal, aber ihr holt sofort den Bürgermeister! Wir brauchen den Bürgermeister!“ Dieser musste kommen, da ein Standgericht einberufen worden war. Charlotte’s Ehemann war bei der Verhandlung, die in der Küche stattfand, nicht anwesend.
Einer der Zeitzeugen, der damals im selben Haus wohnte, ist durch Treppenhaus geschlichen und hat zur Wohnungstür, die nur angelehnt war, geguckt. Er sah einen Tisch mit einer Hakenkreuzflagge darüber. Scheinbar wurde dort das Gericht abgehalten.

Vorher musste die Schwester das Haus verlassen. Sie lief heim nach Stolpen.

Durch Autos, Soldaten und Gespräche der Erwachsenen neugierig geworden, versuchten die Kinder aus der Nachbarschaft herauszufinden, was passiert war. In einem Jeep, der auf der Straße geparkt war, entdeckten sie zwei große Holzschilder. Sie gingen heran, um festzustellen, was darauf geschrieben stand. Aber ein Soldat forderte sie auf wegzugehe: „Das geht euch nichts an, das ist nichts für euch!“

Draußen vor der Tür stand ein Wachposten. Er fragte eine Nachbarin die aus dem Fenster sah, nach einer Tasse Kaffee. Die Frau brachte ihn den Kaffee und fragte: „Was macht ihr mit den beiden?“ Sie bekam die Antwort: „Weiß ich nicht. Geht mich nichts an, ich bin nur ein Wachposten.“ „Na, um Gottes Willen, ihr werdet sie doch nicht etwa in ein KZ stecken?“ „Nein, solche werden doch nicht noch durchgefüttert.“ „ihr werdet sie doch um Gottes Willen nicht erschießen?“ „Nein, eine Kugel ist zu schade, da heben wir keine übrig, wir haben Krieg.“

Nach der Gerichtsverhandlung gingen die SS-Leute durch das Haus und fragten, wer eine Wäscheleine hat, da kein Strang vorhanden war. Sie klingelten an jeder Wohnung, jedoch wollte keiner eine haben. Der Wachposten verlangte den Bodenschlüssel, und die Tür musste aufgeschlossen werden. Jeder Mieter besaß eine kleine Bodenkammer. In der ersten stand vorn ein Körbchen mit Klammern und einer Wäscheleine. Nachdem der Wachposten nach dem Besitzer gefragt hatte, musste dieser die Leine geben.
Anfangs sollten sie im Hof der Winkelwiese 14 an einer Teppichstange „aufgeknüpft“ werden. Doch die Frauen aus dem Haus haben dagegen opponiert: „Das geht nicht. Wir haben Kinder hier.“ Die Bitte wurde gewährt. Dafür wurden Charlotte und Joseph Paulin am damaligen Kaiserhof zentral in der Stadt gehängt.

Als die Schwester gegen 22.00 Uhr zu Fuß ihr Elternhaus erreichte, wusste sie noch nicht, dass Charlotte zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.
Sie und der Belgier wurden sofort nach der Verhandlung zur Hauptstraße 61 gebracht, wo man das Urteil „Tod durch den Strang“ gegen 19.30 Uhr vollstreckte. Sie wurden mit Wäscheleinen um den Hals auf einen LKW gestellt. Charlotte sprang herunter noch bevor das Auto unter ihnen wegfuhr. Joseph Paulin lieg mit, solange es ging.
Beide hatten ein Schild umhängen. Auf dem der Frau war zu lesen: Mein Mann ist im Felde und ich habe mit einem Ausländer gehurt.
Das Schild des Belgiers trug folgende Aufschrift: Ich bin Ausländer und habe mich an einer deutschen Frau vergriffen.
Charlotte’s Ehemann brach zusammen, als er seine Frau hängen sah, haben Augenzeugen berichtet.
Zur Abschreckung blieben die Leichen bis zum nächsten Morgen hängen.
Niemand kümmerte sich um die Toten. Charlotte wurde von ihrer Familie mit dem Auto nach Stolpen geholt. Sie musste unter einem Baum beerdigt werden, denn sie durfte ihre letzte Ruhestätte nicht in den Reihen der anderen Gräber finden. Die Grabrede hielt eine jüngere Schwester, da der Pfarrer sich weigerte. Aus Angst vor den Nazis war außer der Familie niemand gekommen.
Der Vater schrieb ins Stammbuch, dass Charlotte von „SS-Banditen öffentlich gehängt“ worden ist, weil sie „einem mit ihr arbeitenden Belgier manchmal ein Stück Brot gab.“
Im Standgerichtsurteil heißt es:
„In Anbetracht der besonderen Ehrunwürdigkeit des Verbrechens, dass während des härtesten Schicksalskampf des deutschen Volkes begangen wurde, ist der Tod durch den Strang zu vollstrecken.“ (Die Mörder verstanden sich als die besseren Deutschen. Doch offensichtlich nahmen sie es mit ihrer Muttersprache nicht so genau. Vielleicht aber musste auch alles sehr schnell gehen, zum toten jedoch hatten sie genug Zeit.)

Für die Nachbarschaft war dieses Urteil umso schlimmer, da sie Charlotte als eine sympathische, aufgeschlossene junge Frau kennengelernt hatten.

Nach Kriegsende wurde Charlotte umgebettet, die auf Wunsch ihrer Eltern unter ihrem Mädchennamen beerdigt worden war, da ihr Ehemann maßgeblich am Mord der beiden mitgewirkt hatte.

Der Nachbar, der die Wäscheleine geben musste, wurde nach Kriegsende verhaftet. Aber die Mitbewohner waren sich einig, dass jeder in seine Situation hätte kommen können. Da sie sich sehr für ihn einsetzten, kam dieser schnell wieder frei.

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